US-Verteidigungsminister Pete Hegseth will eine öffentliche Hinrichtung inszenieren. Eine Praxis, die zuletzt aus Afghanistan und Iran bekannt ist. Hegseth setzt dabei ausdrücklich auf Abschreckung durch demonstrative Gewalt. Sein christlich-nationalistisches Weltbild weist bemerkenswerte Parallelen zum islamistischen Fundamentalismus auf.
Am 3. Dezember soll der ehemalige Militärpsychiater Nidal Hasan erschossen werden, der 2009 auf dem Militärstützpunkt Fort Hood 13 Menschen ermordete. Hegseth begründet die geplante Übertragung damit, dass die Öffentlichkeit die schwerwiegenden Konsequenzen solcher Verbrechen sehen soll. Die öffentliche Zurschaustellung staatlicher Gewalt soll also der Abschreckung dienen.
In den Vereinigten Staaten wäre dies ein historischer Rückschritt. Die letzte allgemein anerkannte öffentliche Hinrichtung fand 1936 in Kentucky statt. Zwar vollstrecken die USA bis heute Todesurteile, doch geschieht dies ohne Zugang für die allgemeine Öffentlichkeit. Hegseth will diese Grenze aufheben und aus einer staatlichen Strafvollstreckung ein weltweit zugängliches Medienereignis machen. Ob der angesetzte Termin Bestand hat, hängt auch von möglichen Rechtsmitteln ab.
Nach Angaben von Amnesty International wurden 2025 mindestens 17 öffentliche Hinrichtungen dokumentiert: sechs in Afghanistan und elf im Iran. In beiden Staaten wird staatliche Gewalt auch zur Demonstration politischer und religiöser Autorität eingesetzt. Genau diese Staaten gehören zu den zentralen Feindbildern jener amerikanischen Rechten, die sich als Verteidiger der westlichen Zivilisation gegen islamischen Fundamentalismus inszenieren wollen.
Christlicher Nationalismus und islamistischer Fundamentalismus
Hegseths Verbindungen zum radikalen christlichen Nationalismus sind gut dokumentiert. Der Verteidigungsminister gehört einer Kirche aus dem Umfeld des Predigers Doug Wilson an, der offen eine christlich geprägte Gesellschaftsordnung propagiert. Wilsons Bewegung stellt liberale Vorstellungen von Gleichberechtigung und gesellschaftlichem Pluralismus infrage. Hegseth hat Vertreter der Bewegung öffentlich unterstützt und Wilson zu einer religiösen Veranstaltung ins Pentagon eingeladen.
Diese politische Strömung will eine Gesellschaft schaffen, in der staatliche Ordnung, Geschlechterrollen und Hierarchien göttlichen Vorgaben folgen. Die Trennung von Religion und Politik wird dabei grundsätzlich infrage gestellt. Religiöse Autorität soll politische Macht legitimieren.
In dieser Hinsicht gibt es bemerkenswerte Gemeinsamkeiten mit islamistischen Bewegungen. Auch diese beanspruchen, gesellschaftliche und staatliche Verhältnisse nach religiösen Normen zu gestalten. In beiden Weltbildern gelten traditionelle Hierarchien als Ausdruck einer höheren Ordnung, während gesellschaftliche Liberalisierung, sexuelle Selbstbestimmung und religiöser Pluralismus als Bedrohung erscheinen können. Die eigene Religion wird zur Grundlage kollektiver Identität erhoben, politische Gegner werden mitunter als Feinde einer gottgewollten Ordnung betrachtet.
Die vergleichende Fundamentalismusforschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit solchen Parallelen – und Unterschieden. Martin E. Marty und R. Scott Appleby haben im Fundamentalism Project religionsübergreifende Reaktionsmuster auf Modernisierung, Säkularisierung und gesellschaftlichen Wandel untersucht. Andrew Whitehead und Samuel Perry analysieren, wie christlicher Nationalismus in den USA mit autoritären Einstellungen, gesellschaftlichen Hierarchievorstellungen und der Ablehnung pluralistischer Demokratie zusammenhängt.
Auch das Verhältnis zur Gewalt gehört zu diesem Forschungsfeld. Untersuchungen des Public Religion Research Institute zeigen, dass überzeugte Anhänger des christlichen Nationalismus politische Gewalt deutlich häufiger unter bestimmten Umständen für gerechtfertigt halten als Menschen, die diese Ideologie ablehnen. Daraus lässt sich keine generelle Gewaltbereitschaft aller Anhänger ableiten; die Befunde dokumentieren jedoch einen Zusammenhang zwischen der Ideologie und einer erhöhten Akzeptanz politischer Gewalt.
Die Inszenierung von Angst und Gewalt
Eine öffentliche Hinrichtung richtet sich über den Verurteilten hinaus an die Öffentlichkeit. Der Staat demonstriert seine Macht über Leben und Tod und vermittelt eine Botschaft: Wer bestimmte Grenzen überschreitet, muss mit äußerster Gewalt rechnen. Das Publikum wird zum Bestandteil der Bestrafung.
Der Religionswissenschaftler Mark Juergensmeyer hat vergleichbare Mechanismen bei religiös motiviertem Terrorismus untersucht. Gewalt besitzt dort eine symbolische und kommunikative Funktion. Sie soll Angst erzeugen, Macht demonstrieren, Anhänger mobilisieren und Gegner einschüchtern. Diese Logik findet sich sowohl bei dschihadistischen Terrororganisationen als auch bei christlich-fundamentalistischen oder rassistischen Rechtsterroristen. Die jeweiligen Ideologien unterscheiden sich, die öffentliche Inszenierung von Gewalt kann ähnliche Zwecke erfüllen.
Das bedeutet nicht, dass eine staatliche Hinrichtung mit einem terroristischen Anschlag gleichzusetzen wäre. Die rechtlichen Grundlagen, institutionellen Bedingungen und unmittelbaren Ziele unterscheiden sich. Vergleichbar ist die Vorstellung, dass die demonstrative Anwendung äußerster Gewalt eine Wirkung auf die Gesellschaft entfalten soll. Hegseth benennt diesen Zweck selbst ganz offen: Die Hinrichtung soll nicht lediglich vollzogen werden. Sie soll gesehen werden.
Wenn Fundamentalisten an die Macht kommen
Zwischen den USA, Afghanistan und Iran bestehen fundamentale Unterschiede. Die amerikanische Verfassung garantiert individuelle Freiheitsrechte und schützt die Religionsfreiheit. Die Taliban haben dagegen ein islamistisches Herrschaftssystem errichtet, während im Iran religiöse Institutionen zentrale staatliche Machtbefugnisse besitzen. Auch die rechtsstaatlichen Voraussetzungen einer amerikanischen Militärgerichtsentscheidung sind nicht mit den häufig willkürlichen Verfahren in diesen Staaten gleichzusetzen.
Doch solche Unterschiede sind nicht unveränderlich. Politische Bewegungen, die demokratischen Pluralismus und individuelle Freiheitsrechte grundsätzlich infrage stellen, können versuchen, bestehende Institutionen nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Bei Hegseth zeigt sich, dass Vertreter des christlichen Nationalismus Zugang zu staatlichen Institutionen erhalten und religiöse Ordnungsvorstellungen in die politische und militärische Öffentlichkeit einbringen.

Die religiös-nationalistischen Überzeugungen eines mächtigen Regierungsmitglieds werden politisch besonders relevant, wenn sie in staatliches Handeln einfließen. Die Forschung über autoritäre Bewegungen zeigt, wie entscheidend der Zugriff auf Institutionen und Gewaltmittel für die Umsetzung solcher Weltbilder ist.
Die USA haben die Todesstrafe bis heute beibehalten. Mit der geplanten Übertragung einer Hinrichtung via Livestream würde jedoch eine neue Grenze überschritten: Die staatliche Tötung eines Gefangenen wird zum digitalen Massenspektakel. Durch demonstrative Härte soll Macht zementiert und durch Angst gehorsam erzwungen werden. Doch tatsächlich steht die Sehnsucht nach einem allmächtigen Staat für eines: für Angst vor der Freiheit sowie Selbstbestimmung des Individuums.
Quellen und weiterführende Literatur: Reuters zur angekündigten Hinrichtung; Associated Press zur Übertragung; Marty/Appleby: Fundamentalisms Comprehended; Whitehead/Perry: Taking America Back for God; Juergensmeyer: Terror in the Mind of God.






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