Friedenspartei der Kriegsherren

Schon vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lief eine russische Einflusskampagne, die bemerkenswert asymmetrisch ausgerichtet war. Nach dem Wahlsieg der AfD setzt sich die politische und mediale Annäherung fort: Russische Staatsmedien feiern das Ergebnis, AfD-Politiker geben RT DE Interviews, TASS greift Aussagen gegen Sanktionen und Waffenlieferungen auf, und wenige Tage später werden Gespräche über russisches Gas und neue wirtschaftliche Beziehungen öffentlich. Parallel verschärft Moskau nach dem versuchten Anschlag auf den Flughafen Leipzig/Halle die Drohungen gegen Deutschland. Die Entwicklungen greifen auf mehreren Ebenen ineinander.

Bereits vor der Wahl hatten Sicherheitsbehörden, Medien und Forschungseinrichtungen eine russische Desinformationskampagne dokumentiert. Der ARD-faktenfinder beschrieb Anfang August Dutzende gefälschte Inhalte zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Politikerinnen und Politiker wurden mit erfundenen Skandalen, manipulierten Videos und missbrauchten Medienlogos angegriffen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen, über die unter anderem DIE ZEIT berichtete, waren praktisch alle Parteien betroffen – mit zwei Ausnahmen: AfD und BSW.

Das Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) ordnete zwischen Ende Juni und Ende August 141 Videos mit Bezug zu deutschen Wahlen mit hoher Wahrscheinlichkeit der russischen Operation Overload zu, auch bekannt als Matrjoschka. Nach der Wahl dokumentierte der ARD-faktenfinder weitere Fakes über angeblichen Wahlbetrug. CORRECTIV überprüfte ein Video, in dem angebliche AfD-Briefwahlstimmen aussortiert und ungültig gemacht werden. Die gezeigten Unterlagen waren nicht echt; auch hier gab es Hinweise auf eine russische Einflusskampagne.

Der Wahlkampf war damit bereits von einer klaren Konstellation geprägt: Russische Desinformation richtete sich gegen politische Akteure und demokratische Verfahren, Vertrauen sollte gestört und Zweifel gesät werden; während die AfD selbst von dieser Kampagne weitgehend ausgespart blieb.

Ein kleines Bundesland mit ungewöhnlich großer Aufmerksamkeit

Am 6. September gewann die AfD die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent. Es war das beste Ergebnis der Partei bei einer Landtagswahl. Bemerkenswert ist dabei, wie groß die internationale Aufmerksamkeit ausfiel. Sachsen-Anhalt ist mit gut 2,1 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern eines der kleineren Bundesländer Deutschlands; nach Angaben des Statistischen Landesamtes lebten dort Ende 2025 rund 2,12 Millionen Menschen. Eine Landtagswahl dort verändert weder unmittelbar die Bundesregierung noch die deutsche Außenpolitik. Das Ergebnis war dennoch zweifelsohne historisch – und wurde dementsprechend international thematisiert und insbesondere in Russland groß aufgegriffen.

Die russische Staatsagentur TASS veröffentlichte am 7. September eine ausführliche Zusammenstellung unter der Überschrift „Alternative for Germany wins Saxony-Anhalt election with record 43.8%“. Hervorgehoben wurden Alice Weidels Anspruch auf einen Regierungsauftrag, die Gesprächsbereitschaft des BSW und ausdrücklich die Schnittmengen zwischen AfD und BSW bei den Beziehungen zu Russland. TASS zitierte zudem den deutschen Russland-Lobbyisten und Politologen Alexander Rahr mit der Einschätzung, das Ergebnis sei ein „politisches Erdbeben“ für Deutschland. Die Niederlage der CDU bei einer Landtagswahl wurde dabei auch als Ablehnung des außenpolitischen Kurses von Friedrich Merz gegenüber Russland interpretiert.

Alice Weidel bei einem öffentlichen Auftritt im Jahr 2025
Alice Weidel, 2025. Foto: Elekes Andor / Wikimedia Commons (CC BY 4.0).

Diese intensive Aufmerksamkeit fällt auch deshalb auf, weil der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird. Die Behörde beschreibt die Programmatik ausdrücklich als von einer rassistischen Ideologie des Ethnopluralismus geprägt. Der Landesverband arbeitet mit einem völkisch-abstammungsmäßigen Volksbegriff und propagiert Vorstellungen ethnisch weitgehend homogener Gesellschaften. Begriffe und Konzepte wie „Remigration“ stehen in diesem Zusammenhang für eine Politik, die Menschen nach Herkunft und Zugehörigkeit sortiert und weit über eine bloße Verschärfung der Migrationspolitik hinausgeht. Praktisch würde die Umsetzung der Pläne die Deportation von Millionen von Menschen aus Deutschland bedeuten.

AfD-Politiker direkt in russischen Medien

Nach der Wahl blieb es nicht bei Berichten über das Ergebnis. Mehrere AfD-Politiker suchten oder erhielten unmittelbar Präsenz in russischen Staatsmedien. Bereits am 7. September, einen Tag nach der Wahl, gab der AfD-Außenpolitiker Markus Frohnmaier am Rande der Wahlparty in Magdeburg dem russischen Staatssender RT DE ein Interview. Frohnmaier erklärte dort die deutsch-russischen Beziehungen für reparabel und zweifelte zugleich die Darstellung der Bundesregierung zum Anschlagsversuch in Leipzig an.

Am 12. September folgte ein RT-DE-Exklusivinterview mit Hans-Thomas Tillschneider, dem stellvertretenden Vorsitzenden der AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt. Er sprach über den Wahlsieg, die Russlandpolitik der Bundesregierung, den Krieg gegen die Ukraine und die Schließung des Russischen Hauses in Berlin, warnte vor einer weiteren Eskalation gegenüber Russland und forderte eine grundlegende Reform von EU und NATO. Am selben Wochenende äußerte sich auch der Berliner AfD-Abgeordnete Gunnar Lindemann bei RT DE zum Fall Leipzig und warf der Bundesregierung vor, Russland vorzuverurteilen und die Schuldzuweisung zur Rechtfertigung weiterer Unterstützung für die Ukraine zu nutzen.

Auch TASS griff zentrale außenpolitische Positionen der AfD weiter auf. Am 9. September berichtete die Agentur über Tino Chrupallas Ablehnung deutscher Drohnenlieferungen an die Ukraine und zitierte ihn mit der Aussage, Sanktionen gegen Russland seien grundsätzlich sinnlos und hätten vor allem der deutschen Wirtschaft geschadet.

Tino Chrupalla im Deutschen Bundestag
Tino Chrupalla im Bundestag. Foto: TC2021 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0).

Von Medienpräsenz zu konkreten Gesprächen

Wenige Tage später wurde die Beziehung konkreter. Reuters berichtete am 18. September, dass Putins Wirtschaftsbeauftragter Kirill Dmitrijew und führende AfD-Politiker Gespräche über eine Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen nach Deutschland vorbereiteten. Genannt wurden dabei Alice Weidel und Tino Chrupalla. Diskutiert wurde nach Angaben der Nachrichtenagentur auch ein Treffen im Jahr 2027; Dmitrijew hatte zuvor bereits eine mögliche Zusammenarbeit beim Wiederaufbau von Nord Stream ins Spiel gebracht.

Offizielles Porträt von Wladimir Putin
Wladimir Putin. Foto: Kremlin.ru / Wikimedia Commons (CC BY 4.0).

Am 21. September griff TASS Aussagen Alice Weidels auf, wonach die AfD gemeinsam mit den USA einen Dialogkanal nach Russland öffnen wolle – ausdrücklich auch mit Blick auf Gaslieferungen. Weidel sagte laut TASS, beide Seiten hätten erkannt, dass die AfD der „einzige verlässliche Partner“ in Deutschland sei. Einen Tag später erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow laut Reuters, der Kreml begrüße ausdrücklich, dass die AfD den Dialog mit Russland suche.

Diese Kontakte stehen nicht isoliert. AfD-Politiker haben in den vergangenen Jahren wiederholt Russland besucht, russische Gesprächspartner getroffen und russischen kremlnahen Medien Interviews gegeben. Nach dem Wahlsieg verdichtet sich die Abfolge: Wahlerfolg, ausführliche positive Berichterstattung, Interviews im russischen Staatsmedium, öffentliche Debatten über Gas und Nord Stream sowie die ausdrückliche Anerkennung der AfD als Gesprächspartner durch den Kreml folgen innerhalb weniger Tage aufeinander.

Die Rolle der AfD in der russischen Kommunikation

Die kommunikative Nähe zeigt sich besonders deutlich bei den außenpolitischen Kernbotschaften. Russische Staatsmedien greifen regelmäßig Aussagen aus der AfD auf, wonach Sanktionen vor allem Deutschland schadeten, Waffenlieferungen den Krieg verlängerten, die Bundesregierung deutsche Interessen den USA und der Ukraine unterordne und günstige russische Energie wieder verfügbar gemacht werden müsse. Friedrich Merz und die Bundesregierung erscheinen dabei als treibende Kräfte einer Eskalation. Schon vor der Landtagswahl zitierte TASS Alice Weidel mit der Behauptung, Merz gefährde mit seiner Russlandpolitik die Sicherheit Deutschlands und behindere Trumps Friedensbemühungen. Nach der Wahl liefern Frohnmaier, Chrupalla, Tillschneider und Lindemann weitere Aussagen, die sich nahtlos in diese Erzählung einfügen.

Das Ergebnis ist eine dynamische politische Verstärkung: AfD-Politiker formulieren Positionen, die in russischen Medien prominent aufgegriffen werden; die russische Berichterstattung verleiht diesen Positionen internationale Resonanz und kann sie zugleich als Beleg dafür präsentieren, dass es in Deutschland selbst „Widerstand“ gegen den Kurs der Bundesregierung gibt. Umgekehrt kann die AfD auf russische Gesprächsangebote, wirtschaftliche Perspektiven und die Aussicht auf wieder günstigere Energie verweisen. Dass es darüber hinaus reale Kontakte und geplante Treffen gibt, macht die Verbindung politisch relevanter als eine bloße zufällige Übereinstimmung von Narrativen.

Washington verstärkt die Erzählung

Parallel erhielt die AfD Unterstützung aus den USA. Donald Trump veröffentlichte noch am Wahlabend auf Truth Social einen Screenshot einer deutschen Hochrechnung, in der die AfD klar führte. DER SPIEGEL dokumentierte den Post. Drei Tage später wurde Trump deutlicher: Nach Angaben des Deutschlandfunks führte er den Wahlerfolg auf die deutsche Einwanderungspolitik zurück und gratulierte der AfD zu einem „grandiosen Wahlabend“.

Für die AfD entsteht damit eine außenpolitisch ungewöhnliche Konstellation: Zustimmung kommt gleichzeitig aus Washington und Moskau, die AfD wird quasi zur Friedenspartei der Kriegsherren gemacht.

Gleichzeitig steigt der Druck von außen

Parallel zur Aufwertung der AfD verschärfte Russland noch einmal den Ton gegenüber der Bundesregierung erheblich. Auslöser war der versuchte Anschlag auf den Flughafen Leipzig/Halle am 4. August. Die Bundesregierung erklärte Anfang September nach Auswertung polizeilicher Ermittlungen, Tatmustern und nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, Russland trage die Verantwortung für den hybriden Angriff. In ihrer offiziellen Darstellung verweist sie unter anderem auf Ziel, Tatmittel, technische Expertise und den Einsatz sogenannter Low-Level-Agenten.

Die russische Reaktion ging weit über ein Dementi hinaus. Dmitri Medwedew, stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates und ehemaliger Präsident, erklärte am 2. September, Deutschland verdiene direkte Angriffe auf Rüstungsbetriebe und möglicherweise auch auf weitere Ziele in Berlin. Die Äußerung wurde unter anderem von BR24 und dem Tagesspiegel dokumentiert. Medwedew bezeichnete die deutsche Führung zugleich als „neonazistisch“ und „extrem russophob“.

Auch Außenminister Sergej Lawrow verschärfte die Rhetorik. In der Regierungspressekonferenz vom 7. September wurde seine Aussage zitiert, die deutschen Vorwürfe wegen Leipzig seien „im Großen und Ganzen der Beginn eines echten Krieges“. Bundeskanzler Merz erklärte wenige Tage später, der Anschlagsversuch sei über Monate in Russland vorbereitet worden und nur durch Zufall habe eine Katastrophe verhindert werden können; Reuters berichtete darüber am 9. September.

Damit entsteht eine politische Zangenbewegung auf mehreren Ebenen. Im Inneren gewinnt eine teilweise offen rechtsextreme Partei massiv an Einfluss, deren führende Vertreter Sanktionen aufheben, Waffenlieferungen beenden, russische Energie wieder beziehen und den außenpolitischen Kurs gegenüber Moskau grundlegend verändern wollen. Russische Staatsmedien verstärken diese Positionen, russische Funktionäre bieten Gespräche und wirtschaftliche Kooperation an. Gleichzeitig erhöht Moskau von außen den Druck mit hybriden Operationen, Drohungen und einer Rhetorik, die inzwischen direkte Angriffe auf deutsche Ziele ins Spiel bringt.

Gerade deshalb ist die russische Reaktion auf den Wahlsieg in Sachsen-Anhalt mehr als eine kuriose internationale Reaktion auf eine regionale Wahl. Sie zeigt, wie aufmerksam Moskau politische Verschiebungen in Deutschland verfolgt – und wie sich Desinformation, Medienverstärkung, politische Kontakte, wirtschaftliche Angebote und offene Drohungen zu einem Gesamtbild verbinden, in dem die deutsche Russland- und Ukrainepolitik gleichzeitig von innen und außen unter Druck gerät.

Gleichzeitig zeigt diese Aufmerksamkeit aber auch, wie relevant aus russischer Sicht der politische Standort Deutschland ist – vor allem im Hinblick auf die Unterstützung der Ukraine, wo Putin kaum Fortschritte vermelden kann und daher an allen Fronten versucht, den Gegner zu schwächen. Und sei es durch Desinformation in einem Wahlkampf in einem kleinen Bundesland.

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