Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt sorgt auch international für Zustimmung aus dem politischen Umfeld der Partei. Elon Musk gratulierte auf X mit einem knappen „Gut gemacht!“. US-Präsident Donald Trump verbreitete auf Truth Social unkommentiert eine Hochrechnung mit dem AfD-Wahlsieg, der frühere US-Botschafter Richard Grenell sprach von einem „großen Sieg und einem neuen Tag in Deutschland“. Besonders positiv fällt die Resonanz in Russland aus. Gleichzeitig verschärft der Kreml den Ton gegen Deutschland und spricht von „Metastasen des Nazismus“ – gemeint ist damit aber keineswegs die AfD.

In Russland berichten Staats- und kremlnahe Medien ausführlich über das Rekordergebnis. Die staatliche Nachrichtenagentur TASS greift Alice Weidels Anspruch auf einen Regierungsauftrag auf, andere Medien sprechen von einem „politischen Erdbeben“ für Deutschland.
Dabei wird die AfD nicht nur als erfolgreiche Oppositionspartei dargestellt. Die Komsomolskaja Prawda erklärt ausdrücklich, sie sei „keine nazistische oder profaschistische Partei“, sondern nationalkonservativ. Ostdeutschland erscheint als das „wahre Deutschland“, das sich gegen ein westliches, amerikanisiertes, migrationsgeprägtes und zu stark an den USA orientiertes Deutschland behaupten müsse.
Dementieren, drohen, desinformieren
Parallel verbreitet der Kreml eine scheinbar gegensätzliche Erzählung. Seit die Bundesregierung Russland für den Anschlagsversuch am Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich macht, hat Moskau seine Rhetorik erheblich verschärft. Für die deutsche Attribution gibt es konkrete Indizien und Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden, auch wenn die zugrunde liegende Beweiskette nicht vollständig öffentlich ist. Zudem steht Leipzig im Kontext zahlreicher Sabotage- und anderer hybrider Operationen in Europa, bei denen russische Verantwortliche identifiziert wurden oder eine russische Steuerung vermutet wird.
Moskau reagierte darauf zunächst mit Dementis, dann mit Drohungen und schließlich mit einer umfassenden Gegenerzählung. Außenminister Sergej Lawrow spricht inzwischen von einer faktischen deutschen „Kriegserklärung“ an Russland und behauptet, unter Friedrich Merz würden in Deutschland wieder „Metastasen des Nazismus“ sichtbar.
Verwestlicht und zunehmend neonazistisch gleichzeitig…?!
So existieren zwei widersprüchliche Deutschlandbilder nebeneinander: Die Bundesrepublik wird einerseits als zunehmend „neonazistisch“ dargestellt, andererseits als zu liberal, zu westlich, zu US-amerikanisch und zu vielfältig. Gleichzeitig wird eine Partei zum Hoffnungsträger erklärt, deren Landesverband Sachsen-Anhalt rechtsextremistisch ist.
Der Widerspruch zeigt, wie kreativ die russische Propaganda mit politischen Begriffen arbeitet. „Nazi“ beschreibt hier keine konsistent definierte Ideologie, sondern dient vor allem der Markierung politischer Gegner. Wer Russland entgegentritt, die Ukraine unterstützt und die NATO stärken will, kann zum „Nazi“ erklärt werden. Eine nationalistische und migrationsfeindliche Partei kann dagegen als Vertreterin des „wahren Deutschlands“ erscheinen, wenn sie Sanktionen ablehnt und die deutsche Russlandpolitik grundsätzlich infrage stellt.
Klarer Kurs des Kremls für die AfD
Stringenter ist die russische Kommunikation bei ihrer Unterstützung der AfD und ihrer außenpolitischen Positionen. Schon vor der Wahl tauchten AfD-Politiker regelmäßig als deutsche Stimmen in russischen Medien auf. Nach dem Anschlagsversuch von Leipzig zweifelten Vertreter der Partei die russische Verantwortung an. Götz Frömming brachte ohne Belege sogar eine ukrainische „False-Flag“-Operation ins Spiel. Russische Medien griffen solche Aussagen auf und konnten ihre eigene Darstellung damit als eine Position präsentieren, die auch innerhalb Deutschlands vertreten wird.
Es entsteht ein Kreislauf gegenseitiger Verstärkung: Narrative aus Moskau ähneln stark den Argumentationen aus der AfD. Werden sie von AfD-Politikern geäußert, können russische Medien sie wiederum als deutsche Stimmen zitieren. Ob diese Wechselwirkung im Einzelfall beabsichtigt oder koordiniert ist, ist für den Effekt zweitrangig.
Schnittmengen bei der Russlandpolitik
Nach der Wahl bekommt diese Konstellation zusätzliche politische Bedeutung. Die AfD hat mit 43,8 Prozent zwar klar gewonnen, aber die absolute Mehrheit verfehlt. Das BSW schließt Gespräche mit der AfD nicht grundsätzlich aus. Spitzenkandidat Thomas Schulze verwies nach der Wahl ausdrücklich auf „Schnittmengen“, insbesondere in der Russlandpolitik. Beide Parteien lehnen Sanktionen gegen Russland ab und wollen wieder günstige russische Energie beziehen.
Damit zeichnet sich eine Art Zangenbewegung ab, für die keine direkte Steuerung aus Moskau unterstellt werden muss: Von außen setzt Russland Deutschland mit Propaganda, Desinformation und hybriden Operationen unter Druck. Im Inneren gewinnen gleichzeitig politische Kräfte an Einfluss, deren Positionen in zentralen Fragen mit russischen Interessen übereinstimmen. Russische Medien verstärken deren Botschaften und stellen ihren Erfolg als Aufstand des „wahren Deutschlands“ gegen eine angeblich westlich gesteuerte Elite dar.
Die Kraft in der Widersprüchlichkeit
Der Jubel über den AfD-Sieg passt damit in eine größere Erzählung: Das Deutschland, das sich Russland entgegenstellt, sei fremdgesteuert, aggressiv und im Niedergang. Das „wahre Deutschland“ dagegen beginne sich zu wehren.
Der Jubel über den AfD-Sieg passt damit in eine größere Erzählung: Das Deutschland, das sich Russland entgegenstellt, sei fremdgesteuert, aggressiv und im Niedergang. Das „wahre Deutschland“ dagegen beginne sich zu wehren.
Dass dieses Land gleichzeitig angeblich von „Neonazi-Metastasen“ befallen, zu liberal, zu vielfältig und zu amerikanisch sein soll, ist dabei kein Hindernis. Russische Propaganda muss kein widerspruchsfreies Deutschlandbild erzeugen. Im Gegenteil: Die Widersprüchlichkeit ist funktional. Sie ermöglicht es, Verwirrung zu stiften, Gegner zu markieren und je nach Anlass genau die Erzählung auszuwählen, die den eigenen politischen Interessen dient.

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