NIUS behauptet, die PISA-Studie 2025 zeige, dass „Massenmigration“ das deutsche Bildungssystem zerstöre. Tatsächlich sind die Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund relevant und auffällig. Doch die Schlussfolgerung geht weit über die Daten hinaus und am Problem vorbei. Die OECD untersucht ausdrücklich, wie stark die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft den Leistungsrückgang erklärt – und kommt zu einem deutlich anderen Ergebnis.
„Der zweite PISA-Schock: Massenmigration zerstört das deutsche Bildungssystem“: So überschrieb NIUS am 10. September einen Artikel über die Ergebnisse der PISA-Studie 2025. Der Text beginnt mit einem unstrittigen Befund. Die Leistungen der 15-Jährigen in Deutschland sind schlecht wie nie seit Beginn der PISA-Erhebungen. Im Lesen erreichten sie 465 Punkte, in Mathematik 464 und in den Naturwissenschaften 486 Punkte. Deutschland liegt damit ungefähr im OECD-Durchschnitt.
Danach verändert sich allerdings die Argumentation. NIUS schreibt, Corona, Smartphones und Lehrermangel spielten „zweifellos eine Rolle“, doch der Absturz falle „vor allem mit dem Beginn der Massenmigration zusammen“. Später wird daraus die Diagnose: „Das Bildungssystem selbst ist also nicht kaputt. Es ist mit der Zusammensetzung der Schülerschaft nach 2015 nicht mehr kompatibel.“
Das klingt nach einer Schlussfolgerung aus der PISA-Studie. Genau diese Schlussfolgerung lässt sich aus ihr jedoch nicht ziehen.
Die Unterschiede sind real
Zunächst soll fairerweise der Teil der NIUS-Darstellung festgehalten werden, der durch Daten gedeckt ist – und der ein wichtiges Indiz ist für die Bildungsungerechtigkeit in der Bundesrepublik: Jugendliche mit Migrationshintergrund schneiden im Durchschnitt nämlich deutlich schlechter ab als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Besonders groß sind die Abstände bei Jugendlichen, die erst später nach Deutschland gekommen sind. Unter anderem sprachliche Voraussetzungen spielen dabei eine wichtige Rolle.
Auch der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist gestiegen. Die OECD stellt deshalb ausdrücklich die Frage, ob die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft einen Teil des deutschen Leistungsrückgangs erklären kann. Die Antwort lautet: ja. Aber eben nur einen Teil – und zwar einen kleinen. Außerdem wäre noch zu diskutieren, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.
Was die OECD tatsächlich schreibt
In der Auswertung der Entwicklung der Lesekompetenz zwischen 2018 und 2025 nennt die OECD Deutschland ausdrücklich. Der Anteil von Schüler*innen mit Migrationshintergrund ist gestiegen, während diese Gruppe im Durchschnitt niedrigere Werte erzielt. Ohne diese Veränderung wäre der negative Trend daher etwas schwächer ausgefallen.
Unmittelbar danach folgt jedoch die entscheidende Einschränkung. Die Veränderung des Durchschnittswerts, die allein durch die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft erklärt werden könne, überschreite „never […] a few points“. Solche demografischen Veränderungen seien „never the main driving force behind the large trends observed“ – also niemals der Haupttreiber der beobachteten großen Veränderungen. Eine Einschränkung, die die Lesekompetenz von NIUS möglicherweise überfordert.
Die OECD bestreitet keineswegs, dass Migration für das Bildungssystem Herausforderungen mit sich bringt und einen Teil des Leistungsrückgangs erklären kann. Sie widerspricht aber einer Erklärung, die den großen Abwärtstrend im Wesentlichen auf die gestiegene Zahl von Schüler*innen mit Migrationshintergrund zurückführt. „Zufälligerweise“ fehlt genau diese entscheidende Einordnung bei NIUS.
Aus Korrelation wird Ursache
Stattdessen argumentiert der Artikel vor allem mit zeitlicher Parallelität: Seit 2015 seien die PISA-Werte stark gefallen, gleichzeitig habe die Migration zugenommen. Doch dass zwei Entwicklungen gleichzeitig stattfinden, belegt noch nicht, dass die eine die andere verursacht – schon gar nicht in der behaupteten Größenordnung.
PISA liefert dafür selbst weitere Gegenargumente. Die OECD hält ausdrücklich fest, dass die PISA-2025-Daten keine Grundlage für die Behauptung bieten, ein höherer Anteil von Schüler*innen mit Migrationshintergrund sei auf Länderebene mit schlechteren Bildungsergebnissen verbunden. Mehrere Bildungssysteme verbinden hohe Zuwanderungsanteile mit hohen Leistungen.
Entscheidend ist vielmehr, unter welchen Bedingungen Kinder lernen. Die OECD verweist dabei unter anderem auf sozioökonomischen Status und Sprache. Werden diese Faktoren statistisch berücksichtigt, werden die Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in vielen Ländern deutlich kleiner; teilweise kehren sie sich sogar um.
Das bedeutet nicht, dass Migration keine Rolle spielt. Es bedeutet, dass „Migrationshintergrund“ verschiedene Faktoren bündelt und deshalb keine ausreichende Erklärung für sich allein ist. Das gilt auch für Statistiken zur Kriminalität, die bei „NIUS“ und ähnlichen ideologisch getriebenen Medien ebenfalls gerne selektiv genutzt werden.
Massives soziales Bildungsproblem
Für Deutschland fällt ein anderer Befund besonders deutlich aus: Nach der deutschen PISA-Länderübersicht der OECD lagen sozioökonomisch begünstigte Schüler*innen in den Naturwissenschaften 125 Punkte vor den benachteiligten Schüler*innen. Im OECD-Durchschnitt beträgt dieser Abstand 85 Punkte. Der sozioökonomische Status erklärt in Deutschland 19 Prozent der Leistungsunterschiede, im OECD-Durchschnitt sind es zwölf Prozent.
Und die Entwicklung ist besonders problematisch: Zwischen 2015 und 2025 hat sich die soziale Leistungslücke in Deutschland vergrößert, während sie sich im OECD-Durchschnitt verringerte. Die Leistungen sozial benachteiligter Jugendlicher gingen zurück, während sie bei privilegierten Jugendlichen stabil blieben.
Der deutsche PISA-Leiter Samuel Greiff warnt deshalb vor einer verkürzten Migrationserzählung. Im Interview mit der ZEIT nennt er die sozioökonomische Situation der Familien den stärksten Faktor. Zugleich sagt er ausdrücklich, Deutschland stehe durch Zuwanderung vor größeren Herausforderungen als manche andere Staaten. Beides kann gleichzeitig richtig sein. Genau diese Komplexität blendet NIUS aus.
Das wiederkehrende Muster: Kontext weg, Erzählung da
Das hat offenbar Methode; NIUS arbeitet wiederholt mit Zitaten, Ausschnitten oder Einzelbefunden, die für sich genommen echt sein können, durch das Weglassen des Kontextes aber eine andere Bedeutung erhalten.
Ein Beispiel war die Kampagne gegen die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali nach der Tötung des rechten US-Aktivisten Charlie Kirk. In meinem Beitrag für Belltower.News habe ich beschrieben, wie Teile ihrer Moderation herausgeschnitten und verbreitet wurden, während ihre ausdrückliche Verurteilung der Tat und die Differenzierung der gesamten Passage in den Hintergrund traten.
Ähnlich funktioniert die politische Verarbeitung wissenschaftlicher Texte. Bei der Kampagne gegen die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf wurden einzelne Formulierungen aus Fachtexten herausgelöst und zu vermeintlichen Belegen für extreme Positionen gemacht. Auch dieses Muster habe ich bei Belltower.News analysiert. In einem weiteren Faktencheck zur NIUS-Erzählung vom angeblichen „NGO-Komplex“ zeigte sich ebenfalls, wie einzelne Tatsachen in einen Deutungsrahmen eingebaut werden, der von den angeführten Belegen nicht getragen wird.
Beim PISA-Artikel ist die Methode besonders gut sichtbar, weil sich Originalquelle und mediale Behauptung direkt nebeneinanderlegen lassen.
Was übrig bleibt
Die PISA-Ergebnisse sind herausfordernd und dokumentieren Missstände im deutschen Bildungssystem: Deutschlands Jugendliche erreichen historische Tiefstände. Schüler*innen mit Migrationshintergrund schneiden im Durchschnitt schlechter ab, insbesondere wenn sie spät zugewandert sind und die Unterrichtssprache nicht zu Hause sprechen. Der gestiegene Anteil dieser Gruppe trägt auch zu einem Teil des Leistungsrückgangs bei. All das kann und sollte diskutiert werden.
Die Aussage „Massenmigration zerstört das deutsche Bildungssystem“ ist daraus jedoch nicht abzuleiten. Die OECD kommt bei der entscheidenden Frage ausdrücklich zu einem anderen Ergebnis: Die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft erklärt nur wenige Punkte des Rückgangs und ist nicht dessen Haupttreiber. Gleichzeitig ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland außergewöhnlich stark.
Der NIUS-Artikel arbeitet also nicht mit erfundenen Zahlen. Stattdessen selektiert NIUS reale Befunde, lässt zentrale Einordnungen derselben Studie weg und formuliert daraus eine Kausalität, die die Quelle selbst nicht hergibt. So kann man aus Daten ein politisches Narrativ formen und aus einer komplexen Bildungsstudie eine vermeintlich einfache Antwort, die der eigenen Agenda entspricht. Was nicht passt, wird weggelassen.
Quellen
NIUS: „Der zweite PISA-Schock: Massenmigration zerstört das deutsche Bildungssystem“
OECD: PISA 2025 – Deutschland
OECD: Trends in reading scores 2018–2025
OECD: Student performance in PISA 2025
Belltower.News: Wenn journalistische Differenzierung zum Verhängnis wird
Belltower.News: Die Verwüstung des Debattenraums
Belltower.News: Nius und die NGO-Verschwörungslegende







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